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Ein Tag bei den Blumen

Die Stadt ist schon erwacht und ich schnalle mir den großen Korb auf den Rücken und radel mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Meist begegnen mir neugierige und erstaunte Blicke. Das Morgenlicht zeigt die Stadt in sanften Farben wenn sich der Zug durch Berlin schlängelt. Die Spree glitzert, der Fernsehturm blinkt, Fahnen wehen am Bundestag. Bahnhof Zoo, Charlottenburg, dann wird es grün im Grunewald. Die Internetverbindung reisst ab, dann Potsdam und nach einer Stunde meist enspannter Fahrt erreiche ich Golm. Auf dem Rad fahre ich durch den Unicampus, die Eichenalle hinauf und am Kreisverkehr stürze ich mich mit ein kurzen Weitblick über die Landschaft in die Apfelallee hinunter. Ich sauge die Landschaft auf und nehme ihre Veränderungen mit in den Garten um sie in die Sträuße zu binden. Unter den dicken Eichen nach Grube knacken die herabgefallenen Eicheln unter meinen Reifen, dann rechts und links durch den Ort und dann kommt der schönste Moment: die schmale Brücke über die Wublitz! Ein kurzer Blick nach rechts und nach links, bei dem mich ein sehnsüchtiges Gefühl von schwedischer Wildnis überkommt. Jetzt bin ich auf der Insel Töplitz, gleich bei unserem Garten angekommen.

Ich steige ab und öffne das Tor. Mir zeigt sich ein wunderbares buntes Bild aus Blüten und ich gehe erstmal schauen, was heute zu finden ist. Oft liegt eine ganze Woche zwischen unseren Erntetagen und es hat sich viel verändert.

Dann fülle ich die Wassereimer, hole die Garteschere und beginne mit der Ernte. Sobald die Hände voll sind bringe ich die Blumen in den Schatten unter den Pflaumenbaum.

Zum Ausruhen setzt ich mich zwischendurch auch in den Schatten und putze alle Stengel die ich schon geerntet habe. Das heißt, ich entferne die Blätter von den Stielen und stelle die Blumen zurück ins Wasser. Bei manchen ist das ziemlich fummelig und langwierig...

Dann ernten ich schnell weiter, bevor es noch wärmer wird und sich die Blüten weiter öffnen. Zwischendurch schneide ich Verblühtes ab, damit die Pflanzen ihre Kraft in neue Blüten stecken können.

Nach einer Weile putze ich wieder im Schatten. Dann ernte ich weiter. Ich höre die Schwäne beim Starten auf der Wublitz und die Vögel beim Singen in den Bäumen. Ab und an grüßen Nachbarn, die vorbeikommen, und Pferde wiehern von gegenüber.

Ob die Ernte wohl schon reicht? Leider gibt es immer wieder größere Ausfälle bei einigen Sorten und es ist gar nicht so einfach die Balance zwischen genug Ernte und genug Bestellung zu halten. Und manche Flächen verkrauten so schnell, dass die Stiele unserer geliebten Blumen niedergedrückt werden und ziemlich krumm wachsen.

Zur Abwechslung mache ich einen Streifzug um den Acker herum und sammle in dem breiten Saum unter den Obstbäumen Gräser, Goldrute, wilden Spargel und alles, was sich sonst so in Vasen hält. Auch das wird alles im Schatten geputzt.

Gänse ziehen über den Garten. Manche bleiben inzwischen über den Sommer hier. Im Herbst schreien die Kraniche.

Als nächstes schneide ich die Dahlien. Ich liebe das Knacken der hohlen Stengel beim Ernten und ihren frischen, zitronigen Duft.

Es ist Mittag geworden und ich mache unterm Pflaumenbaum mein Picknick.

Lena kommt, macht ihren Streifzug über den Acker und wir ernten zusammen weiter, in Gespräche oder Gedanken vertieft.

Wir sortieren die Ernte und fangen an, die Sträuße zu binden. Bewundern unsere wunderschönen Blumen und die Wunder der Natur. Wir lieben zum Beispiel beide die Leichtigkeit, nahezu Schwerelosigkeit, der Cosmeen. Ab und zu holen wir noch noch etwas mehr Gräser und Kräuter, die Sträuße sollen schön luftig sein, locker gebunden.

Wenn alles gebunden ist, verpacken wir die Sträuße in Zeitungspapier und stecken sie behutsam in unsere Körbe. Unten ist eine Folie drin, die das Wasser hält.

Dann ist es, je nach Jahreszeit, Zeit für Krauten, Pflanzen abstützen, Auspflanzen der Jungpflanzen, Boden verbessern oder Jauche ansetzen.

Abends schwinge ich mich aufs Rad, verabschiede mich von Lena und dem Garten und fahre schwer beladen zurück zum Bahnhof. Im Zug sehe ich oft bewundernde Blicke auf den Korb, der voll gefüllt ist mit den Schönheiten vom Acker. Manche lächeln und manche fragen, was es damit auf sich hat.

Auf der Rückfahrt gibt es immer viele Fahrräder, viele Weltreisende zum Flughafen, Potsdamer Student*innen und Berliner Pendler*innen. Der Weg vom Bahnhof zurück führt mich durch laue Kreuzberger Sommerabende.

Die Blumen bleiben über Nacht im kühlen Hof oder im Keller.

Am nächsten morgen packe ich sie in unser Blumenpapier, kontrolliere ob alle die Fahrt und die Nacht gut überstanden haben, beschrifte die Etiketten, und dann beginnt auch schon die Abholzeit. Manchmal treffe ich dabei Kundschaft, das mag ich sehr gerne. Damit ist die „Blumenwoche“ ist für uns schon vorbei, es sei denn wir haben größere Bestellungen am Wochenende für Feste und Feiern.

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